Arisierung

Vorwort

Innerhalb der Studie "Ausgeplündert, zurückerstattet und entschädigt - Arisierung und Wiedergutmachung in Mannheim" werden auch die Arisierungen der Kaufmannsfamilie Vetter beleuchtet. Diese unabhängige Studie, die von der Heinrich-Vetter-Stiftung mit einem Betrag von 30.000 Euro als Forschungsprojekt der Universität Mannheim unterstützt wurde, ist als 960 Seiten umfassendes Buch unter ISBN 978-3-89735-772-3, herausgegeben vom Verlag Regionalkultur, erschienen.

Die Autorin Dr. Christiane Fritsche hat im Zuge ihres Aktenstudiums auch das Bild und die Biografie von Heinrich Vetter um die jetzt bekannten Fakten aus NS-Vergangenheit und Nachkriegszeit ergänzt. Vetter hat zwar alle Wiedergutmachungsansprüche bedient, dennoch kann davon ausgegangen werden, dass seine beiden Arisierungen und die seiner Familie auch mit Grund dafür waren, sein gesamtes Vermögen in eine Stiftung zum Wohle der Allgemeinheit einzubringen.

Die Heinrich-Vetter-Stiftung sieht ihre Aufgabe weiterhin darin, die Vermögenserlöse so zu lenken, dass für die Allgemeinheit Nutzen gestiftet wird. Damit wird die Stiftung auch künftig der Satzung entsprechende Projekte und Einrichtungen in Mannheim sowie Ilvesheim fördern. Dabei werden auch Projekte für Mitmenschlichkeit wie das "Community Art Center" zur besseren Integration von Migranten unterstützt. Daneben werden weiterhin Initiativen gegen das Vergessen, zum Beispiel die Aufarbeitung der Ilvesheimer NS-Vergangenheit oder Veröffentlichungen über regionale jüdische Themen gefördert. Die Organe der Heinrich-Vetter-Stiftung beziehen damit klar Stellung gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Auch nach außen wird das deutlich, in dem das von der Stiftung gebaute Seniorenhaus in den Zusammenhang mit Regine Kaufmann gestellt wird, einer engagierten Ilvesheimer Mitbürgerin jüdischen Glaubens, die im KZ ums Leben kam.

Heinrich-Vetter-Stiftung

Unser Dank für die nachfolgende Ausarbeitung, basierend auf der o.g. Studie, gilt Frau Dr. Christiane Fritsche:

Die Familie Vetter im Dritten Reich

Die Familie Vetter „arisierte“ während der NS-Diktatur acht jüdische Grundstücke und Betriebe in Mannheim, Karlsruhe und Ilvesheim – rein quantitativ gesehen mehr als jeder andere für Mannheim nachgewiesene „Ariseur“. Grundsätzlich kann man „Ariseure“ in drei Gruppen einteilen: in wenige gutwillige „Ariseure“, die in ehrlicher Absicht jüdischen Verkäufern helfen wollten; in ebenso wenige skrupellose Profiteure, die zusätzlich zu den repressiven politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Druck auf die jüdischen Vorbesitzer ausübten, und schließlich in die breite Masse der aktiven Opportunisten. Sie wickelten die „Arisierungen“ äußerlich korrekt ab und setzten die jüdischen Verkäufer nicht persönlich unter Druck, profitierten aber gleichwohl von ihrer Notlage. Zu den aktiven Opportunisten zählten auch Heinrich Vetter, seine Eltern Carl Heinrich und Frida sowie seine Schwester Friedel.

Mitgliedschaft von Heinrich Vetter in NS-Organisationen

Heinrich Vetter wurde im Frühjahr 1933, vor seinem Examen an der Handelshochschule Mannheim, Mitglied des NS-Studentenbunds. Außerdem trat er zum 1.5.1933 in die NSDAP ein und er war zwischen 1933 und 1935 Mitglied der SA. Dort war er zeitweise Scharführer. Darüber hinaus ist über Heinrich Vetters Aktivitäten in der Partei, dem Studentenbund oder der SA nichts bekannt. Unklar ist also, ob er sich an antisemitischen Aktionen wie dem reichsweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933 beteiligte. Allerdings scheint Heinrich Vetter als Inhaber der Firma Geschwister Vetter noch bis 1935 Geschäftsbeziehungen zu jüdischen Fabrikanten gehabt zu haben; dies betonten nach 1945 Zeugen in seinem Entnazifizierungsverfahren.

Mitgliedschaft des Kaufhauses Vetter in der Adefa

Carl Heinrich Vetter trat zwar nicht der NSDAP oder der SA bei, doch war das von ihm geführte Kaufhaus Vetter spätestens ab Sommer 1938 Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Deutsch-Arischer Fabrikanten in der Bekleidungsindustrie (Adefa). Die Adefa war ein freiwilliger Zusammenschluss von Betrieben, die jeden Geschäftsverkehr mit Juden ablehnten und die u. a. rein „arische“ Modenschauen organisierten – ein aggressiver antisemitischer Kampfverband also, dem die Geschichtswissenschaft heute bescheinigt, eine „treibende Kraft in der Judenverfolgung der Textilindustrie“ (Johannes Christoph Moderegger) gewesen zu sein. Das Kaufhaus Vetter warb im Sommer 1938 in Zeitungsanzeigen mit dem Adefa-Emblem, einer Art „arisches“ Gütesiegel, das gewährleistete, dass die Ware von der Produktion bis zum Verkauf nur durch „arische“ Hände gegangen war. Darüber hinaus schaltete das Kaufhaus Vetter bereits im Oktober 1932, also gut drei Monate vor der „Machtergreifung“, Anzeigen im Hakenkreuzbanner, der lokalen NSDAP-Zeitung in Mannheim. Auch warb das Kaufhaus Vetter im Januar 1934 für SA- und SS-Uniformen sowie für BDM- und HJ-Bekleidung.

„Arisierungen“ durch die Familie Vetter

Zwischen 1934 und 1938 „arisierte“ die Familie Vetter drei Grundstücke in Mannheim und Ilvesheim sowie fünf Betriebe in Mannheim und Karlsruhe (siehe Übersicht). Dabei sprechen einige Indizien dafür, dass der Kauf des Grundstücks L 4, 1 durch Frida Vetter eine gutwillige „Arisierung“ gewesen sein könnte. Denn der jüdische Verkäufer Hermann Mayer, der als Textilvertreter jahrzehntelang rege Beziehungen zur Familie Vetter unterhalten hatte, bescheinigte den Vetters nach 1945, sie hätten ihm „jegliche Unterstützung, die im Hitlerreich überhaupt möglich war, zuteilwerden“ lassen.

Die „Arisierung“ von Samt und Seide

Unter den von Carl Heinrich Vetter „arisierten“ Firmen hatte Samt und Seide einen besonderen Stellenwert, handelte es sich doch um eine der bedeutendsten Putzgroßhandlungen in Deutschland mit 1938 rund 100 Mitarbeitern, einem Stammkapitel von 90.000 RM und zeitweise mehreren über ganz Deutschland verteilten Filialen. Hauptanteilseigner und Geschäftsführer war der jüdische Kaufmann Martin Wohlgemuth aus Mannheim. Carl Heinrich Vetter übernahm am 13. April 1938 alle Anteile der Samt und Seide GmbH, die Waren sowie die Einrichtung. Der konkrete Preis für das Warenlager und das Inventar ist heute nicht mehr zu ermitteln; er sollte nach einer Inventur festgelegt werden. Ebenfalls am 13. April 1938 kaufte Carl Heinrich Vetter für 626.206,85 RM von der Samt und Seide GmbH das rund 1.700 qm große Geschäftsgrundstück N 7, 4. Der Bau des markanten Gebäudes direkt neben dem bekannten Turmhochhaus in N 7, 3 durch den jüdischen Architekten Fritz Nathan hatte die Samt und Seide GmbH Ende der 1920er Jahre 1,5 Mio. RM gekostet.

Nach der „Arisierung“ von Samt und Seide trat Martin Wohlgemuth als Geschäftsführer zurück. Sein Nachfolger wurde Heinrich Vetter. Er führte den Betrieb, bis er 1939 Wehrmachtssoldat wurde. Die jüdischen Angestellten von Samt und Seide wurden bis zum Herbst 1938 entlassen; an ihre Stelle traten die „arischen“ Mitarbeiter der ebenfalls von Carl Heinrich Vetter im April 1938 „arisierten“ Hut- und Putzvertriebs GmbH. Carl Heinrich Vetter ging also strategisch vor: Er erwarb die Hut- und Putzvertriebs GmbH nur deshalb von Gustav Zimmern, um, so betonte er selbst, „die ausscheidenden nichtarischen Gefolgschaftsmitglieder bei Samt und Seide durch arische zu ersetzen, die sich in der Branche auskennen“.

Die „Arisierung“ von B. Kaufmann & Co. und dem Modehaus Hugo Landauer

Vor seiner Tätigkeit als Geschäftsführer bei Samt und Seide hatte Heinrich Vetter selbst zwei jüdische Betriebe übernommen. Im Juni 1934 kauften er und seine Schwester Friedel von der Stuttgarter Firma Brüder Landauer AG das 1906 gegründete Kaufhaus B. Kaufmann & Co. am Mannheimer Paradeplatz. Allerdings geben die Quellen weder über den Kaufpreis noch über die genauen Umstände dieser frühen „Arisierung“ Auskunft.

Besser dokumentiert ist der Verkauf des Modehauses Hugo Landauer in der Karlsruher Kaiserstraße 145. Der seit 1912 bestehende Betrieb wurde von Julius Levy geführt. Das Geschäft litt seit der „Machtergreifung“ unter dem Boykott jüdischer Betriebe, und so brach der Jahresumsatz von mehr als 1 Mio. RM im Jahr 1932 auf rund 790.000 RM im Jahr 1933 ein. Die von Heinrich Vetter und seiner Schwester Friedel geführte Firma Geschwister Vetter erwarb den Betrieb am 28. April 1936 für 133.583,90 RM. Vergütet wurden lediglich die Waren, die Geschäftseinrichtung, die Versicherungsanteile und das Material, nicht aber die Werbeunterlagen, die Kundenlisten und der Goodwill des im Zeitpunkt der „Arisierung“ seit 24 Jahren bestehenden Geschäfts. Eine Bezahlung für diese Werte wäre im Frühjahr 1936 noch möglich gewesen, schließlich gab es damals noch keinerlei gesetzliche Auflagen für „Firmenarisierungen“.

Vetters als aktive Opportunisten

Zwischen 1933 und 1939 vervierfachte sich die Zahl der Mitarbeiter im Kaufhaus Vetter, der Umsatz kletterte im gleichen Zeitraum von 687.000 RM auf 3.904.402 RM. Da für keinen der von der Familie Vetter „arisierten“ Betriebe Bilanzen erhalten sind, ist unklar, wie viel Prozent dieses enormen Wachstums den „Arisierungen“ zu verdanken war. Fest steht allerdings, dass die „Arisierungen“ zum weiteren Aufstieg des Kaufhauses Vetter beitrugen und dass Vetters als aktive Opportunisten die sich ihnen ab 1933 bietenden Möglichkeiten geschickt nutzten. Auch wenn sie offenbar keinen Druck auf die jüdischen Verkäufer ausübten, ja mit einzelnen Juden bis Mitte der 1930er Jahre sogar geschäftlich verbunden waren, machten Vetters dennoch zu Lasten der jüdischen Vorbesitzer gute Geschäfte.

Entnazifizierung

Heinrich Vetter wurde im Januar 1946 aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassen und musste sich anschließend in einem Entnazifizierungsverfahren verantworten. Im Sommer 1947 verurteilte ihn die Spruchkammer Mannheim zu einer Geldstrafe in Höhe von 2.000 RM und stufte ihn als Mitläufer ein – wie fast jeden Zweiten, der sich in Württemberg-Baden in einem Entnazifizierungsverfahren zu verantworten hatte.

Rückerstattung

Mit seinen Aktivitäten im Dritten Reich bzw. denen seines 1943 verstorbenen Vaters konfrontiert wurde Heinrich Vetter auch in diversen Rückerstattungsverfahren wegen der „arisierten“ Grundstücke und Betriebe. Die von den Alliierten beschlossene Restitutionsgesetzgebung sah entweder eine Rückgabe der betreffenden Vermögenswerte an die jüdischen Vorbesitzer oder Nachzahlungen als Entschädigung für den bei der „Arisierung“ zu niedrig angesetzten Kaufpreis vor. Die Familie Vetter einigte sich Anfang der 1950er Jahre in Vergleichen auf Nachzahlungen an die jüdischen Vorbesitzer. So erhielt Martin Wohlgemuth 200.000 DM als Nachzahlung für Samt und Seide und das Grundstück N 7, 4 sowie weitere 10.000 DM, weil er im Sommer 1938 seinen Posten als Geschäftsführer verloren hatte. Wie die meisten „Ariseure“ erzielten auch Vetters zügig und ohne längere Auseinandersetzungen eine Einigung mit den jüdischen Vorbesitzern. Was sie dazu bewog, geht aus den Quellen nicht hervor. Unklar ist also, ob Heinrich Vetter auf diesem Weg das den jüdischen Verkäufern angetane Unrecht wieder gut machen wollte oder ob der junge Geschäftsmann das unschöne Thema Restitution möglichst rasch vom Tisch haben wollte, um sich unbelastet von der Vergangenheit dem Wiederaufbau widmen zu können.

„Arisierung“ von Betrieben und Grundstücken durch die Familie Vetter